Allgemein · Aus dem Nähkästchen geplaudert

[aus dem Nähkästchen geplaudert] „Drama, baby!“

Manchmal läuft es so, wie man es überhaupt nicht brauchen kann. Ich habe vor ein paar Jahren von meinem Großvater eine Veritas 8014/29 vermacht bekommen (das muss so 2011 gewesen sein). Mindestens 30 Jahre alt und 13 Kilogramm schwer. Ein richtiges Nähross eben und eine robuste DDR-Maschine. Leider kamen wir nicht so gut miteinander zurecht, was aber eher an meiner Unfähigkeit, als an der Maschine lag (kommt davon, wenn man keine Ahnung hat und gleich mit schlabbrigem Viskosejersey oder dickem Leder anfängt… ;P). Ende 2012 habe ich mir eine Singer 2259 gekauft (ihr wisst schon, so ein Plastikbomberchen für 130€) und habe so nach und nach angefangen, darauf nähen zu lernen. Täschchen, Patchworkdecken, Gardinen…was man halt so macht…

…und es ward April 2015, die Alte Dame durfte aus einem „och komm, probieren wir es halt nochmal“-Moment vom Regal auf den Nähtisch…und was soll ich sagen…einfach herrlich! Kein Gehoppel durch das Eigengewicht, ein solides Stichbild, ordentliche Durchschlagkraft und sie nähte alles was ich ihr vorsetzte- von Chiffon bis Denim.
Mit der Zeit merkte ich allerdings, wie sich der Greifer leicht verstellte und die Nadel diesen bei jedem Stich leicht touchierte- eigentlich hätte ich nur vorsichtig an zwei Schräubchen drehen müssen und habe aus purer Blödheit/Unwissenheit den kompletten Greifer auseinandergenommen. Eine Operation am offenen Herzen sozusagen. Am Ende waren alle (!) Teile wieder da wo sie sein sollten, aber leider stimmte das Timing zwischen Greifer und Nadel nicht mehr, sodass es Fehlstiche gab- so eine elendige [hier bitte wüsten Fluch einsetzen]!! Eine regelrechte Verschlimmbesserung sozusagen.
Nach einigen Monaten konnte ich mich dazu aufraffen,  das gute Stück endlich in eine Werkstatt zu bringen, bzw. in einen örtlichen Stoffladen, der die Maschinen in eine Werkstatt schickt. So ein Geschoss transportiert man auch nicht mal eben so 🙂
Drei Wochen später kam endlich der ersehnte Anruf.
– „Sie können Ihre Maschine abholen“
– „Sehr gut!
– „Sie kam allerdings unrepariert wieder zurück, der Greifer ist kaputt. Und das gibt es wohl nicht mehr als Ersatzteil.“
– „??!? Also Totalschaden? Die Maschine ist futsch?“– „Leider ja. Aber Sie können sich gerne hier im Laden umschauen, wir haben hier verschiedene…“

Diagnose: Klinischer Tod. Toll. Er hat es bestimmt nur gut gemeint, aber der letzte Satz hatte für mich etwas von „Ihr Hund ist gerade gestorben, aber wir haben hier Welpen, da können Sie sich einen neuen aussuchen“. NEIN NEIN NEIN!! :(( Ich baue eigentlich nur zu sehr wenigen Gegenständen eine emotionale Beziehung auf, aber ich war doch ein wenig…naja…verdattert?
Ich fand nach 15min Onlinerecherche besagtes Ersatzteil und fragte im Laden, ob man das nicht einbauen könnte, wenn ich das Teil selber organisiere.
So durchläuft man mal eben die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast:

  1. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen (check!)
  2. Aufbrechende Emotionen (definitiv!)
  3. Suchen, Finden, Loslassen (habe gesucht und gefunden, siehe unten :D)
  4. Akzeptanz (nööööö….)

 

Leider ließ sich mein Vorschlag auf Nachfrage nicht realisieren, den Greifer zu besorgen und dann einzubauen. Da sei wohl noch mehr im Argen, zB mit der Stichplatte, usw. und das sei dem Werkstattmenschen wohl zu heikel, das einzubauen, das lohne sich nicht mehr…meehh. Vielleicht gehört es zum Leugnen dazu, aber für mich sieht es alles noch okay aus. Es dreht sich, es werden Stiche produziert, aber die sehen eben nicht optimal aus. War die Diagnose doch voreilig? (war gar nicht so leicht, bei der Abholung nicht einfach loszuschluchzen! :P)
Ich war auch nicht gewillt, mal eben 600-700€ aus dem Ärmel zu schütteln, das ist einfach nicht drin (wenn, dann wäre es wohl die Passport 3.0 von Pfaff geworden. Mit Fadenschneider, Einfädelhilfe, IDT-Transport und sonstigem Gedönz).
Aber eine neue Maschine, deren Lebensdauer laut einer Verkäuferin wirklich auf gerademal 10 Jahre ausgelegt ist? Will ich das? Mehr als 200 Zierstiche, von denen man eh nur einen Bruchteil benötigt? Ich will keine Herzchen nähen können…ein vernünftiges Stichbild soll sie haben und alles mitmachen, was ich ihr vorsetze. Die berühmte eierlegende Wollmilchsau eben. Mittlerweile bin ich wohl Nähmaschinen-Minimalistin geworden (jaich weiß, das steht jetzt din bisschen im Widerspruch zu der oben genannten Wunschmaschine 😀).
Mit diesen Gedanken saß ich für den Rest des Tages bedröppelt strickend auf meinem Sofa.

Und nochmal eine gebrauchte Maschine? Warum eigentlich nicht?
So durchforstete ich die ebay-Kleinanzeigen nach einer Neuen Alten, bzw. einem Nachfolgermodell und war erstaunt: Die alten Nährösser bekommt man geradezu hinterhergeschmissen. 50€ für Maschine UND Tisch waren keine Seltenheit. Aber versendungswillige Verkäufer dafür schon.

Nach einiger Zeit fand ich sie: Eine Veritas 8014/4143E. Mit Koffer, Anlasser und ein bisschen Zubehör. Kürzlich gewartet und laut der Mutter der Verkäuferin wohl die beste Maschine die es je gab. Für etwas mehr als 70€ sogar mit versichtertem Versand.


MEINS! Meine Neue Alte Dame. Wahrscheinlich Anfang der 80er gebaut.  Laut dieser Seite wurde die Maschine zwischen 1977-1982 gebaut.  Wahrscheinlich kann man es einen „wohlüberlegten Spontankauf“ nennen, da alles innerhalb einer Woche geschah. Ein ziemliches Auf und Ab eben.
Kurz nach ihrer Ankunft setzte ich ihr neben BW-Webware allerlei textile Gemeinheiten vor, wie dünner Satin, Jersey, 12 Lagen Denim mit Dreifachgeradstich und Topstitchgarn und probierte die einzelnen Funktionen aus. Wunderbar!! Dünne Stoffe mochte sie erstmal nicht, aber das kann auch daran liegen, dass ich die richtigen Einstellungen noch finden muss. Wir zwei werden noch gute Freunde! (eine LED hab ich auch schon eingesetzt, mit der Glühlampe wird es doch etwas arg heiß). Einzige Umstellung: Man braucht etwas mehr Gewalt, um die Stiche umzustellen.

Ein weiterer Vorteil: Die Füße sind bei beiden Maschinen einsetzbar und wie man sieht, haben meine Vorfahren fleißig gesammelt ignoriert einfach das Vorlesungszeug drunter):

Ich ertrinke geradezu in Füßchen! 😀 Bei den meisten weiß ich inzwischen, welche Funktion sie ausführen sollen, bei manchen rätsle ich noch…
Aber auch die Spulen und die Spulenkapseln sind kompatibel, sodass ich mir den Luxus erlauben kann, eine Spulenkapsel nur für Jersey oder Arbeiten mit der Zwillingsnadel einzusetzen.

Wie ist das bei euch, nähen noch mehr mit einer älteren Maschine?

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7 Kommentare zu „[aus dem Nähkästchen geplaudert] „Drama, baby!“

  1. Habe gerade deinen Blog entdeckt. Was für eine wunderbare Geschichte mit der „alten“ Nähmaschine, denn für mich ist eine Nähmaschine wie deine gar nicht so „alt“. Meine Lieblingsmaschine ist eine Singer 201K aus dem Jahre 1953! Auf diesem Modell habe ich als fünfjähriges Mädchen nähen gelernt und es gab ein herzliches Wiedersehen, als ich eben diese Maschine vor einigen Jahren beim Trödler entdeckte. Meine Mutter hatte ihre Singer 201K eingetauscht als ich 18 war, deshalb gab es die alte Maschine nicht mehr. Aber wie ich diese Maschine liebe! Im Unterschied zu vielen anderen Maschinen, auch neueren, ist sie sehr leise. Ich besitze auch andere, neuere und „modernere“ Maschinen, aber die Singer 201K ist die Supermaschine, die fast täglich im Einsatz ist. „Neuer“ bedeutet nämlich nicht unbedingt „besser“. Ich freue mich für dich.
    Viele Grüße aus Norwegen
    Aud

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  2. Ja! Nähen gelernt habe ich auf einer Singer aus den 60ern, so richtig mit Tisch und hochklappen. Die konnte Zick-Zack und Gerade, mehr nicht. Eigentlich super, nur leider ließ sich die Geschwindigkeit nicht wirklich steuern. Entweder er surrte nur und nix passierte oder, ratterratter ziemlich schnell, das geht auf Dauer nicht gut (und auf den rechten Arm, wenn man alle langsamen Stellen mit Handrad macht …)
    Jetzt nähe ich auf einer Pfaff von meiner Mama, mit der hat sie auch schon Kleidung für mich als Kind genäht, 20 Jahre ist die also auch schon alt. Ich mag sie sehr, sie näht bis auf dünnen Jersey alles ziemlich gut. Was mich dennnoch zu einer neuen Maschine zieht, ist der Füßchendruck, der dann doch immer ganz schön viel verschiebt.

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    1. Wie schön! So ein Tischchen zum Versenken hab ich auch vermacht bekommen, leider passt es (noch) nicht in die Wohnung…(psst, bei meiner kann ich mithilfe eines unscheinbaren kleinen Rädchens, das sich oberhalb der Birne befindet, den Nähfußdruck einstellen- vielleicht hast du das ja doch?)
      LG

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  3. Ich nähe auch auf einer Veritas Textima (8014) 😀und habe genauso wie du mein Herz völlig an sie verloren! Zum Glück kann meine Schwester da auch ganz viel Reparieren, wenn mal was kaputt ist. Lg, Zuzsa

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    1. Ooohh, darf ich mir mal deine Schwester ausleihen? 😀
      Auf was für einer Maschine nähst du genau? (Man muss ja schon zugeben, dass die Dinger nicht unbedingt leise sind…aber dafür hab ich mir ne Gummiunterlage aus dem Baumarkt geholt-der Verkäufer war höchst amüsiert über den eigentlichen Zweck :))
      LG

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